
Nordöstlich des Stadtzentrums und noch oberhalb des Schlossberges befindet sich das stattliche Gebäude des früheren Königlich Sächsischen Lehrerseminars mir seiner über hundertjährigen wechselvollen Geschichte.
Der wirtschaftliche Aufschwung. der mir ihm verbundene höhere Bildungsanspruch an die junge Generation und steigende Bevölkerungszahlen in Sachsen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten eine Reform des Volksschulwesens dringend erforderlich. Grundlage für eine zeitgemäße Bildung und Ausbildung der Schuljugend war eine wesentlich höhere Anzahl gut ausgebildeter Lehrkräfte. So entstanden in der Zeit ab 1869 bis 1876 im sächsischen Raum 8 neue Lehrerseminare.
Bereits seit 1866 bemühte sich der Stadtrat intensiv um den Seminarstandort Auerbach. Aber die Aussichten dafür stranden zunächst recht schlecht. Die Nähe zu Plauens Seminar war zu groß.
Im Dezember des Jahres 1875 kam es dennoch zu konkreten Verhandlungen zwischen dem Stadtrat und dem Königlich Sächsischen Ministerium. Auerbach hatte inzwischen neue Trümpfe in der Tasche: Es war Amtshauptmannschaft geworden, und eine zweite Bahnlinie mir einem Bahnhof in größerer Zentrumsnähe veränderte seine Verkehrsanbindung.
Durch eine Schenkung des Rittergutsbesitzers Opitz konnte die Stadt einen kostenlosen großzügigen Bauplatz zur Verfügung stellen. Sie verpflichtete sich unter anderem, die Kosten für die Wasserversorgung des künftigen Seminars zu übernehmen und der Einrichtung einer Übungsschule zuzustimmen.
Die Seminargründung musste dringlich gewesen sein, denn sie erfolgte bereits 1876 vor der Errichtung des geplanten Zweckbaus. Auch die Anmietung des "Keffelschen Hauses" auf dem Neumarkt (heute Modehaus Kressner) als Interimslösung unterstützte der Stadtrat aktiv. In kürzester Zeit wurde das Haus für seinen neuen Zweck verändert. Es erhielt eine Gasbeleuchtung, die räumlichen Voraussetzungen für den Lehrbetrieb wurden geschaffen und das Dachgeschoss für Schlafsäle ausgebaut, denn auf den Internatsbetrieb wurde von Beginn an besonderen Wert gelegt.
Am 7. Mai 1876 konnte das Seminar durch den Geheimen Schulrat Dr. Bornemann eröffnet werden. Unter dem Schulleiter und späteren Seminardirektor Schönfelder bildeten weitere 5 Lehrkräfte zunächst 47 Seminaristen aus.
Das eigentliche Seminargebäude wurde inzwischen auf der östlichen Anhöhe der Stadt nach Plänen des Bezirksbaumeisters Waldow errichtet. Am 18. September 1876 erfolgte der erste Spatenstich, am 4. Juni 1877 die Grundsteinlegung und am 22. September des gleichen Jahres das Richtfest.
Bereits im Juli 1878 zogen Schüler und Lehrerschaft in das neue Gebäude um. Seine Weihe erfolgte am 9. Oktober 1878.
Von den 17 Seminaren Sachsens wird das von Auerbach als schönstes gerühmt. Schulrat Schönfelder nannte es die "Akropolis von Auerbach", der Minister von Gerber eine "Festlegung des Geistes". Der Anblick des Gebäudes von Süden her mit seinen gewaltigen Granitmauern mag dieses Bild assoziiert haben.
Großzügig ist die räumliche Gestaltung und hervorragend den unterrichtlichten, wohnlichen und wirtschaftlichen Belangen eines Seminars seiner Zeit angepasst. Nach Osten schloss sich eine große Parkanlage an, die in ihrer Gestaltung einem Naturschutzpark entsprach und nach Vorstellungen des Seminardirektors Schönfelder angelegt wurde.
Erholung und Lehre wurden in ihm sinnvoll vereint. Bereits nach dem ersten Weltkrieg fehlten die finanziellen und materiellen Voraussetzungen, um den Park im ursprünglichen Pflegezustand zu erhalten. Schul- und Turnhöfe ergänzten die Außenanlagen.
Das Auerbacher Seminar erwirbt sich durch die Jahre einen guten Ruf. Die Seminaristen kommen nicht nur aus den Amthauptmannschaften Auerbach, Plauen und Oelsnitz, sondern auch aus Zwickau, Schwarzenberg, Reichenbach und aus nicht benachbarten Landesteilen. So zeichnet sich bereits im Jahre 1901 die Notwendigkeit zur Erweiterung des Seminarbaues ab. Zwischen 1903 und 1905 wird der Westflügel verlängert. Weitere Lehr- Wohn- und Funktionsräume, eine Bücherei und eine größere Hausmeisterwohnung entstehen. Eingebaut wird auch eine Niederdruckdampfheizung.
Mit der Weimarer Verfassung im Jahre 1919 wird auch eine Veränderung in der Entwicklung des Auerbacher Seminars eingeleitet. In ihr wird festgelegt, dass die Lehrerausbildung für das gesamte Deutsche Reich zu vereinheitlichen ist.
Ab 1922 werden die Lehrerseminare systematisch abgebaut und die Lehrerbildung von zwei Pädagogischen Instituten in Dresden und Leipzig übernommen. In Auerbach endet dieser Abbau mit der Seminarübungsschule Ostern 1928. Das Internat bleibt bestehen und wird nach Veränderungen als Schülerheim genutzt.
Mit der schrittweisen Aufgabe des Seminars beginnt in Auerbach die Umprofilierung zu einer "Deutschen Oberschule" im Jahre 1922. Zu Ostern wurden zunächst zwei Klassen eingerichtet. Sehr häufig waren es spätere Lehrer, die hier ihre Vorbildung erhielten.
Die Kriegsjahre verändern erneut Aufgabe und Funktion des Seminars. Ab 1941 wird der Oberschulbetrieb eingeschränkt und wieder eine dem früheren Seminar ähnliche Lehrerausbildung aufgenommen. Die vorgesehene fünfjährige Ausbildung konnte jedoch keiner der Studenten beenden. Viele wurden vorzeitig zum Kriegsdienst eingezogen. Andere waren mitten in der Ausbildung, als der Schulbetrieb Anfang 1945 völlig eingestellt wurde. Es war die Zeit, da aus Bildungsstätten Lazarette wurden.
Auch das Seminargebäude ereilte diese Bestimmung. Nach Kriegsende übernahm die Rote Armee dieses Lazarett, nutzte es zeitweise als Kaserne und schließlich als Kommandantur, die Mitte der fünfziger Jahre nach Plauen verlegt wurde.
Schon über einen längeren Zeitraum hinweg suchte man in Auerbach nach einer Lösung für die Errichtung eines Kreiskrankenhauses. Es gab Vorstellungen und Pläne, das Seminargebäude dafür zu nutzen, die jedoch nicht verwirklicht werden konnten. Von 1956 bis 1958 nahmen die Deutsche Volkspolizei darin Quartier.
Am 17. Januar 1958 fiel die Entscheidung, das Seminargebäude wieder Bildungszwecken zur Verfügung zu stellen und das Waldenburger Institut für Lehrerbildung nach Auerbach zu verlegen. Umfangreiche Bauarbeiten waren dafür erforderlich. Die ersten Studenten wurden im September 1958 immatrikuliert, die aber zunächst Arbeitseinsätze erwartete und ein hartes Lager auf Fußböden und Matratzen. Das 1. und 2. Obergeschoss nahm Klassenräume, Fachkabinette und die Institutsleitung auf. Im Erdgeschoss befand sich die selbstständige Übungsschule.
1958 begannen 24 Lehrer mir der Ausbildung von 281 Studenten zu Unterstufenlehrern, ab 1962 auch zu Hort- und Heimerziehern.
Das im 3. Stock des Seminargebäudes befindliche Internat wurde in den Folgejahren in vier dezentralisierte Gebäude ausgelagert.
Das letzte Kapitel der Lehrerausbildung in Auerbach begann in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Schrittweise wurde das IfL in die "Pädagogische Hochschule" Zwickau eingegliedert. Die letzten Auerbacher Absolventen verließen das Seminar im Jahre 1991, die letzten Schüler der Grundschule (ehemals Übungsschule) am 26. Juni 1995.
Nach fast 120 Jahren wird es zum ersten Mal still in diesem imposanten Bau, der die gesamte Zeit im Besitz des Landes bzw. Staates war. Der Frage nach seiner weiteren Bestimmung wurde akut.